Presse

Kritik zum Auftritt im Lahrer
Stiftsschaffneikeller am 14.07.2001



Der Fleischwolf des Arrangeurs

Stefan Merkls "Contemporary Big Band Project" im Lahrer Stiftsschaffneikeller

LAHR. "Sie kennen sie und werden sie nicht wiedererkennen", kündigte Stefan Merkl die Musik seines "Contemporary Big Band Project" an, das am Samstag wetterbedingt statt im Lahrer Stadtpark im Lahrer Stiftsschaffneikeller auf die Bühne stieg. So uniform wie das Wetter geriet die Musik zum Glück nicht. Im Gegenteil: Die Big Band aus Freiburg hatte einige Überraschungen für das Publikum in dem gut besuchten Keller parat.

Ganz erfrischend gerieten neben der Musik Stefan Merkls An- und Absagen, mit ihrem schrägen, an Monty Python & Co geschultem englischen Humor. So gleich beim ersten Stück, "French Toast", aus der Feder des Bandleaders, dem der vorschnippende Dirigent Merkl folgenden Kommentar anhängte: "Damit spreche ich der Tour de French einen Toast aus." Mit den ersten Lachern was dann auch das Eis gebrochen.

Hilfreich auch seine Werkeinführungen, dir das Publikum darauf hinwiesen, worauf es beim folgenden Stück ankommt. So beim "Zwei-drei-Salsa", der, recht einleuchtend, den Namen deshalb erhielt, weil sich beim Hören des Rhythmus "eins-zwei, eins-zwei-drei" mitzählen lässt. Es lies sich leicht verfolgen, wie die fünf Schläge, nacheinander Klavier, Saxophone, Schlagzeug, Percussion und Blech ansteckten und sich zu einem swingenden Ganzen zusammenfügten.

Überhaupt haben viele der vom "Contemporary Big Band Project" bevorzugten Arrangements eines gemeinsam: Sie fallen nicht sofort mit allen Instrumenten ins Haus. Nein, einer Instrumentengruppe wird der Vortritt gelassen und erst nach und nach gesellen sich die anderen hinzu. Das hinterlässt beim Zuhörer der Eindruck, als wäre er direkt beim Schöpfungsprozess dabei und könne mitverfolgen, wie aus einer Idee allmählich ein fertig arrangiertes Musikstück wird.

Düster und dunkel beginnt "The Meeting" und bevor es so richtig losswingt, wird es erst noch ordentlich schräg, um dann abzudampfen wie eine Dampflokomotive und im satten Wohlklang zu enden. Mit "Sly Punk" - eine Anspielung auf das Vorbild, Bob Mintzers "Slow Funk", durfte der Gitarrist zeigen, was in ihm steckt. Und da ging dann wirklich der Punk ab und strafte alle Lügen, die der schnellen, lauten Musik aus England Anspruchslosigkeit nachsagen. In der Interpretation der Freiburger Big Band klang das Vielschichtig, abwechslungsreich und alles andere als monoton. Dem "Aber gut!", mit dem Merkl den "heimlichen Punk" angekündigt hatte, konnte man am Ende nur beipflichten.

Als letztes Stück aus der Kategorie "Kenn' ich, aber so kenn ich's nicht" brachten Merkl und Co den in allen Fußballstadien mittlerweile fast zu Tode gegrölten Gassenhauer "Guantanamera". Die Big Band zerhackte die Melodie, zerdehnte sie, unterzog sich eine Bebop-Kur, punktierte sie, führte die Stimmen gegeneinander, wechselte den Rhythmus, doch nichts davon war geeignet, diesen Ohrwurm tot zu kriegen. Aber amüsant war dieser Versuch einer musikalischen Schlachterei allenthalben. Üppiger Beifall für die Truppe, die sich nur an drei Tagen im Jahr trifft, um anschließend vier Konzerte zu geben. Und "weil s morgen noch mal weitergeht", servierte das "Contemporary Big Band Project" noch einmal einen "French Toast" - zur Stärkung oder als Trinkspruch - doppeldeutig wie so vieles an diesem Abend.


Wendelinus Wurth
(Kultur in der Ortenau, 17.07.2001)


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